Der Tod und Das Mädchen

von Bettina WitteVeen ist ein visuelles Gedicht mit drei Strophen: FRAGMENTE, GULAG und TODESFUGE.

In den beiden Ausstellungshallen hat die Askania AG im Zweiten Weltkrieg unter dem Decknamen „Lore 3“ elektronische Teile des Abwehrradarsystems und der Steuerung der V2 Raketen produziert. Sie hat dafür ungefähr 50 ukrainische Frauen und eine unbekannte Zahl ungarischer Jüdinnen zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die Frauen haben die schweren Transportarbeiten gemacht. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

In der Halle mit dem Titel FRAGMENTE sind Serien von Aufnahmen zu sehen, darunter viele Portraits, die sich mit der Rolle der Frau im Krieg und im Zeitgeschehen befassen. Die Frau ist nicht nur Opfer, sondern auch Mitläuferin, Funktionärin der Macht, Walküre und Meisterin des Todes.

In der GULAG-Halle dominieren farbige Diptychen und Triptychen des Solowetski-Archipels die kleineren schwarzweißen Bilder, die den Tod der individuellen Existenz in Arbeits- und Straflagern zeigen. An diesen Wänden hängen keine Portraits. Das Individuum verliert sich sowohl in der gesichtslosen Masse als auch in den ewigen Wäldern und der endlosen Weite der Landschaft. Der Bildaltar, der dem Eingang gegenüber hängt, ehrt die ungezählten Opfer und erinnert an die Insassen heutiger Lager.

Die Aufnahmen in der TODESFUGE sind den Gedichten Paul Celans in „Mohn und Gedächtnis“ gewidmet. Sie sind in dem ehemaligen Luftschutzkeller der Brauerei so installiert, dass sie dem Betrachter auf fast körperliche Weise die Perversität jeglicher Form von Bombardierung eindrücklich nahebringen. Der Prozess der Depersonalisierung, im GULAG angefangen, endet in den Leichenhaufen der anonymen Bombenopfer.

Die Installation ist dual aufgebaut: Leben/Tod, Vergehen/Wiederauferstehen, Natur/Mensch, Osten/Westen, Blumen/Bomben, Magda Goebbels/Sophie Scholl – sie alle tanzen einen Pas de deux zu dem Grundthema der Ausstellung: Wer repräsentiert den Tod und wer das Mädchen? Die Installation ist auch ein Totentanz der weniger beachteten Opfer der neueren Geschichte – der Opfer des imperialistischen Japans im Zweiten Weltkrieg, der Opfer des Bolschewismus, der Roma und Sinti als Opfer im „Dritten Reich“.

Die Landschaftsaufnahmen sind sehr bewusst schön fotografiert. Alle wurden an historisch belasteten Orten aufgenommen. Viktor Frankl hat in seinem Buch „... trotzdem Ja zum Leben sagen“ beschrieben, wie die Schönheit der Natur ihn getröstet und zum Weiterleben animiert hat. Die Schönheit der Fotografien will im Betrachter animieren, die Natur und das Leben zu schützen. Sie ist eine Kriegserklärung an den Krieg – denn der Krieg ist hässlich.