„Dulce et Decorum Est Pro Patria Mori”: „Es ist süß und ehrenhaft, für das Vaterland zu sterben.“ – Mit diesem Motto wurden Millionen europäischer Männer zur Teilnahme am Krieg motiviert. Es war eine besonders beliebte Sentenz der Kolonialisten wie Winston Churchill. Das „Heart of Darkness“-Projekt eröffnet mit der Urkatastrophe, dem Ersten Weltkrieg, dessen geopolitische Folgen noch heute weltweite Konflikte hervorrufen. So ist es konzeptionell angemessen, dass „Dulce Et Decorum Est Pro Patria Mori“ in einem typischen Administrationsgebäude in der französischen Provinz, in dem unter anderem auch Kriegsflüchtlinge untergebracht wurden, installiert ist. Vor dem Gebäude wacht die Siegesgöttin Nike über die Kriegstoten der Gemeinde Lectoure.

Die Ausstellung teilt die Ansicht des berühmten Dichters Wilfred Owen, der am Ersten Weltkrieg teilgenommen hat: Die Kriegserfahrung des Soldaten ist weder süß noch ehrenwert, sondern grausam, erniedrigend und zerstörerisch. Der Horror des unnatürlichen Todes im Kampf wird klar dargestellt in erschütternden Schwarzweißfotografien: die weggeworfene Leiche eines Kindersoldaten des amerikanischen Bürgerkrieges, der zusammengesunkene Körper eines als Defätisten erschossenen französischen Bauern. Sie eröffnet mit einem Kinderporträt des Kronprinzen Wilhelm in Marineuniform (was die Militarisierung der damaligen Zeit verdeutlicht) und endet mit einem Foto des Mörders. Die Frage wird gestellt, inwieweit das Individuum für historische Vorgänge verantwortlich ist.

Lectoure ist in der Nähe von Toulouse, dem Ursprungsort der Kreuzzüge des Abendlandes; dies wird konzeptionell in „Dulce Et Decorum Est Pro Patria Mori“ miteinbezogen, indem die Biografien von drei islamischen Frauen untersucht werden: Leila Kaled (palästinensische Terroristin), Sadschida Saddam Hussein (blutrünstige Ehefrau des irakischen Diktators) und Noor Inayat Khan (Tochter des Sufigelehrten und von den Deutschen ermordete Kämpferin der Résistance).

Die Landschaftsfotografien sind in ehemaligen französischen Kolonien aufgenommen worden, mit Ausnahme einer Naturaufnahme aus dem Konzentrationslager Stutthof, dem Durchgangslager vieler verhafteter Mitglieder des französischen Widerstandes. Ihm gegenübergestellt ist die historische Aufnahme einer Französin, die nackt und mit kahlgeschorenem Kopf als Kollaborateurin erniedrigt wird.

In dem „Heart of Darkness“-Projekt werden die dunklen und verdrängten Seiten historischer Vorgänge aufgezeigt: es geht hier um eine Entmystifizierung. Indem historische Fakten bildlich dargestellt und in den Kontext menschlicher Verhaltensweisen gebracht werden, werden sie greifbar und überwindbar. Nur so besteht die Hoffnung, dass der Mensch Konflikte pazifistisch löst. – Dies ist das Anliegen dieses epischen fotografischen Gedichtes. Jede Teilausstellung hat ihre eigene Farbsymbolik: das Blaugrau und Graugrün in „Dulce Et Decorum Est Pro Patria Mori“ soll an die Farbe der Uniformen, an Nebel, an den Schlamm in den Gräben, an die Gemütsstimmung der Soldaten, aber auch an die Fensterläden der Häuser der französischen Midi erinnern.

Bettina WitteVeen