„Mythen sind die Träume der Menschheit“
Carl Gustav Jung


„Sacred Sister“ zeigt Parallelwelten auf. Die Mythologie des Weiblichen wird in einer Serie von 100 Fotografien erkundet: indonesische Weberinnen porträtieren die Nornen, drei Göttinnen des Schicksals. Die Verwandlung der Medusa von einer blonden Schönheit zum Monster, dessen Anblick versteinert, stellen balinesische Tänzerinnen in Trance dar. In der Serie der Amazonen stehen sich westliche Mädchen mit neotribalen Tattoos und Frauen des kriegerischen Asmat-Stammes aus Papua-Neuguinea gegenüber. Der Tanz der hinduistischen Kali, die in dem Mythos der Hekate ihre westliche Entsprechung findet, wird vorgeführt von einer Afroamerikanerin in zunehmend abstrakteren Bilderfolgen. „Sacred Sister“ ist zyklisch aufgebaut. Es ist eine Zelebration der Mahadevi, der weiblichen Urkraft des Universums: So endet die Serie mit einer Allegorie für Tara. Junge Asiatinnen repräsentieren als zukünftige Mütter diese wichtige Gottheit des Buddhismus, die Madonna Asiens.

„Sacred Sister“ hat ein humanistisches Anliegen, das über den feministischen Ansatz hinausgeht. Indem die Göttin, die zeitlose weibliche Kraft, die dem Universum Leben verleiht, in all ihren Ausdrucksformen in dieser sorgfältig komponierten Serie von Fotografien als unantastbar und verehrungswürdig dargestellt wird, soll die Anima, der weibliche Anteil der menschlichen Psyche emanzipiert werden. Aber auch die negative Seite, wenn das Opfer zum Täter oder zur Täterin wird, nimmt eine wichtige Stelle in „Sacred Sister“ ein. Beispiel dafür ist die Geschichte der Medusa. In der griechischen Mythologie ist sie Symbol des inneren Chaos, das das heroische Bewusstsein erstarren lässt: Wer sie direkt ansieht, versteinert. Nur durch den indirekten Blick in den Spiegel, was aber auch den eigenen Anblick mit einschließt, lässt sich die Medusa bezwingen und das heroische Potential verwirklichen.

Die schwarze Seite in „Sacred Sister“ ist wie der häufig in meinen Projekten installierte schwarze Spiegel eine komplexe Metapher. Diese schwarze Seite trennt innerhalb des Schicksals der Medusa das Davor von dem Danach und symbolisiert die schwarze Nacht der Seele, die der Transformation vorausgeht. Allgemeiner ist sie „the pregnant void within“, die unendliche, schwangere Leere und der Geburtsort aller Möglichkeiten.

Bettina WitteVeen